Filippo De Grazia / „Custodia Terrae Sanctae“

Aktuelle Lage der Franziskaner im Libanon, in Jordanien und Syrien. Interview mit Pater Firas Lutfi zur Situation der Franziskaner im Nahen Osten

Pater Lutfi Firas lebt im Franziskanerkloster in Beirut. Er erlebt tagtäglich die Sorgen der Menschen im Libanon und im Nahen Osten.
Bild von Custodia Terrae Sanctae.

Pater Firas Lutfi, Oberer der „Region St. Paul“ (der Teil der Kustodie des Heiligen Landes, der den Libanon, Syrien und Jordanien umfasst) hat anlässlich eines Besuches in Jerusalem im Sommer 2022 über die aktuelle Lage in den drei Ländern berichtet.

Pater Firas ist selbst Syrer und lebt in unserem Konvent in Beirut, der nicht weit vom Hafen der Hauptstadt entfernt ist. Traurige Berühmtheit hat dieser Hafen ja durch die verheerende Explosionskatastrophe im Jahre 2020 erlangt, bei der 207 Menschen ums Leben gekommen sind und weitere 6500 Personen verletzt wurden.

Lassen wir aber Pater Firas selbst zu Wort kommen:

„Wir können uns an den Oktober 2019 (Beginn der Demonstrationen und Proteste gegen das Unvermögen der Regierung, die schlechte ökonomische Lage in den Griff zu bekommen) als den Beginn einer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Krise erinnern, die im Libanon immer noch gegenwärtig ist und sich im folgenden Jahr durch den Beginn der Corona-Pandemie und die gewaltige Explosion im Hafen von Libanon verschlimmert hat. So verlor die libanesische Mittelschicht ihre Ersparnisse. Dramatisch wurde die Situation der armen Bevölkerungsschichten, so dass mittlerweile 80 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben. Es handelt sich um die schwerste Finanz- und Wirtschaftskrise in der Geschichte des Libanon seit seiner Gründung bis heute. Folge ist eine anhaltende Fluchtbewegung, die besonders die Jugend des Landes erfasste.“

Besser sei die Lage in Jordanien, auch wenn die Pandemie natürlich nicht vor dem Haschemitischen Königreich Halt gemacht hat. „Jordanien war in die sozialen und politischen Turbulenzen des sogenannten Arabischen Frühlings vorerst nicht verwickelt und ist ein ziemlich stabiles Land. Die Pandemie hat jedoch ganz klar die Armut der Menschen erhöht. Was die Präsenz der Franziskaner betrifft, gibt es das Heiligtum auf dem Berg Nebo, von wo aus Mose das Gelobte Land sah und das „Terra Santa College“ in Amman, eine der ältesten Bildungseinrichtungen des Landes und ein Beispiel für exzellente Schulbildung und friedliches Miteinander. Diese Schule mit 1.200 Schülern kann trotz der Konkurrenz von rund 700 Privatschulen in der Hauptstadt ein qualitativ hochwertiges Bildungsangebot garantieren. Die Mitbrüder leisten so einen wertvollen Beitrag für die jordanische Gesellschaft in Bezug auf Bildung und Kultur und stärken das friedvolle Zusammenleben zwischen den Christen und der muslimischen Mehrheit.

Während der Pandemie mussten wir die Kirche und das gesamte Gelände auf dem Berg Nebo schließen. Nicht nur der wirtschaftliche Verlust machte uns dabei zu schaffen, können wir doch durch die Einnahmen an Eintrittsgeldern unsere pastoralen und caritativen Aktivitäten finanzieren; mit der Schließung hatten wir auch nicht mehr die Möglichkeit, den Menschen – und hier besonders auch den einheimischen Besuchern – das historische und biblische Erbe Jordaniens zu vermitteln. Nachdem fast die gesamte Bevölkerung geimpft war, öffnete das Heiligtum endlich wieder seine Pforten für ausländische und lokale Gruppen – für uns eine große Freude“.

„Wenn ich für den Libanon von Armut gesprochen habe, kann ich nicht umhin, von bitterer Armut zu sprechen, wenn ich mich auf Syrien beziehe“, begann Pater Firas seine Ausführungen zu Syrien. „Wir beginnen jetzt das zwölfte Jahr dieser Krise, die durch einen Krieg und alle denkbaren Folgen charakterisiert ist. Seit Beginn des Konflikts hat Syrien enorm viele Einwohner verloren, durch Tod und durch Flucht in andere Länder. Vor dem Krieg hatte Syrien 23 Millionen Einwohner, heute sind es etwa 18 Millionen. Somit hat das syrische Volk in diesen zwölf Jahren furchtbar unter dem Krieg und dem wirtschaftlichen und sozialen Niedergang zu leiden gehabt. Nachdem die Kriegswaffen zum Schweigen gebracht wurden, ist in Syrien eine andere Art von Krieg ausgebrochen, der Krieg des Hungers, der Sanktionen und der Armut. Die Wirtschaftssanktionen haben dazu geführt, dass das Land praktisch blockiert ist und keine Waren importieren oder exportieren kann. Erschwerend für diese ohnehin schon hoffnungslose Situation kommt dazu der russisch-ukrainischen Krieg, das Scheitern einer Einigung über die iranische Atommacht, die jüngsten türkischen Ankündigungen, dreißig Kilometer auf syrisches Territorium vorzudringen, die regelmäßigen Bombenangriffen Israels, der Präsenz von fünf Armeen auf dem Territorium und die im Lande zurückgebliebenen Rebellen des „Islamischen Krieges“.

Angesichts all dessen ist die Rolle der Franziskaner noch wichtiger geworden. Pater Firas dazu:

„Es ist klar, dass unsere erste Pflicht als Christen darin bestand, wie der „Barmherzige Samaritaner“ zu helfen. Die Franziskaner stehen immer an vorderster Front, um denen zu helfen, die in Notsituationen leiden, unter Schmerzen und auch bis zum Tod. In den letzten Jahren haben wir drei unserer Brüder verloren, zwei durch Covid und einen jungen Bruder durch einen tragischen Verkehrsunfall. Wie der heilige Paulus sind wir berufen, mit den Leidenden zu leiden und uns mit den Fröhlichen zu freuen. Das heißt für uns ganz konkret, die Hungernden mit Lebensmitteln zu versorgen, Häuser und Wohnungen zu reparieren, mit Studienbeihilfen der jungen Generation zu helfen.

Besonders zu erwähnen ist, unter welchen lebensbedrohlichen Bedingungen zwei Brüder im Gebiet der Rebellen des „Islamischen Krieges“ in der Region von Idlib leben: Pater Hanna Jallouf und Pater Luai Bsharat. Sie leben in einem Gebiet, welches von diesen Truppen besetzt wurde und welches sie selbst als ein großes Gefängnis bezeichnen. Diese beiden Franziskaner sind tatsächlich jeden Tag in Gefahr, ihr Leben zu riskieren. Sie bleiben dort, um die wenigen verbliebenen Christen zu unterstützen und für sie zu sorgen. P. Hanna und Fr. Luai tun so viel Gutes dank ihres Glaubens und auch dank der vielen Wohltäter und der vielen Organisationen, die uns unterstützen. Diese Unterstützung ist notwendig und unerlässlich, sonst würden die Christen (obwohl wir nicht nur Christen helfen) dort Hunger und Durst leiden, und die Verzweiflung wäre noch tragischer.“

Abschließend betonte Pater Lutfi, dass diese Herausforderungen, die wir in diesen Ländern zu meistern hätten, unser wirklicher Auftrag als Franziskaner im Heiligen Land ist.

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